Gründermontag an der FHM: Geschichten aus Berlin und Businesspläne

In der vergangenen Woche war ich zu Besuch in der Fachhochschule des Mittelstands (FHM), denn die hatte zum Gründermontag geladen. Genauer gesagt, das Institut für Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge (IUG). Was sollte mich da erwarten? Kurze Vorträge und Diskussionen zu start-up-relevanten Themen plus anschließendes Netzwerken und Erfahrungsaustausch. Na dann, denke ich mir, Netzwerken kann ja nie schaden. Und sich ein bis zwei Stunden Geschichten anhören klingt auch gut.

 

Definitiv eine Hochschulveranstaltung

Der erste Eindruck, als ich ankomme: Wahnsinn, wie viele Mädels hier sind. Die Frauenquote bei unseren Startup Meetups ist ja eher gering. Hier an der FHM sitzen lauter Frauen. Und es ist klar, dass das nicht alles Gründerinnen sind, sondern Studentinnen. Aber vielleicht werden sie es ja mal. Und nicht nur an den Studenten sieht man, dass wir hier an einer Hochschule sind: Ganz typisch sind die hinteren Reihen gut besetzt, nach vorne dünnt es sich aus. Ich setze mich in die erste freie Reihe und erhöhe mit meiner Anwesenheit noch zusätzlich die Frauenquote. Das nächste Indiz für eine Hochschulveranstaltung: es geht nicht pünktlich los. Akademisches Viertel, na klar. Aber das ist schon okay, ich bin´s ja gewohnt.

 

Das sechste Mal? Oder das siebte?

Professor Bernd Seel begrüßt alle Anwesenden; er ist locker drauf, seine Studenten scheinen ihn zu mögen. Ein paar Worte zur Veranstaltung und zum Ziel des Ganzen. Für meinen Geschmack ist es etwas zu locker, aber da spricht vielleicht die Journalistin in mir. Selbstverständlich arbeitet man hier nicht mit Stichpunkten, aber einladend klingt der Vortrag für mich dann auch nicht wirklich. Das Thema Unternehmensgründung soll hier „in unbürokratischem Rahmen abgearbeitet werden“ und man wünsche sich „eine lebhafte Diskussion“. Aha. Der Mann hat einen Plan.

Nicht ganz zwar, was die Geschichte seines Events angeht („wir treffen uns jetzt hier zum sechsten oder siebten Mal“), aber das sei ihm verziehen – insbesondere bei der eher geringen Frequenz, in der der Gründermontag stattfindet. Insgesamt muss ich aber sagen: Was Professor Seel da macht, ist charmant. Und er bewegt sich sehr sicher im Thema – das ist ja nicht unbedingt selbstverständlich bei solchen Veranstaltungen.

 

Die Fronten sind geklärt: Her mit dem Thema!

An dieser Stelle springt mir ein weiteres Indiz für eine Hochschulveranstaltung ins Auge: Sperriger Titel. Die Veranstaltung heißt nämlich „Generation Startup – Junge Unternehmer – aktive Netzwerke/Unterstützung von Gründern in Deutschland?“. Puh.

Im einleitenden Vortrag fallen dann Sätze wie „schnelles Gründen wird immer interessanter durch die technischen Möglichkeiten und den schnellen, einfachen Zugang dazu“. Zudem Begriffe wie „Herzblut“ oder „der tiefe Wunsch“. Man gründe heutzutage viel nach dem „Lean Startup Konzept“: schnell, risikoarm, erfolgreich. Ich bin da ganz bei Prof. Seel, erstmal die Basics klar machen.

Dann die Frage, die hier später auch diskutiert werden soll: „Warum sind Gründungen bei dieser Ausgangssituation weiterhin rückläufig?“. Prof. Seels These: „Es fehlt die Innovationsfähigkeit, nicht die Bereitschaft. Die Abläufe und Regeln des Startup-Geschäfts sind eher unterentwickelt. Wir sind halt nicht Silicon Valley.“ Passt zum Herzblut-Begriff. Ich freue mich auf die Redner. Und auf Passion, auf funkelnde Augen und Ideen. Und, das nehme ich schon mal vorweg: das gibt’s auch alles.

 

Gewürzkampagne: Nische! Aber Hallo!

Der erste Gast am Rednerpult ist Chris Goebel von der Gewürzkampagne aus Berlin; sein Keynote-Vortrag: „Gazelle oder Nische – Will ich wachsen?“. Chris sagt dazu: „Ich MUSS wachsen, die Frage ist eher WIE WILL ich wachsen?“.

Und neben der Beantwortung dieser Frage sagt er noch eine ganze Menge. Das ist beeindruckend, finde ich, wie ich es fast immer toll finde, wenn Leute von ihren Ideen berichten. Von dem, was sie begeistert und was sie tun, weil sie es wollen oder weil sie es einfach tun müssen. Weil´s halt das ist, was sie machen wollen. Yay.

Hängen bleibt bei mir vor allem der Prozess der Gründung. Man wollte gründen, hatte aber erstmal keinen Plan. Nur die vage Idee „wir wollen etwas machen, das uns begeistert“ und „wir hatten den Wunsch, unabhängig zu sein“. Und dann sieht man da zwei Jungs, die um die Welt fliegen, um zu schauen wo und wie genau das Oregano, das sie verkaufen, angebaut, geerntet und getrocknet wird. Bilder und Geschichten, die nach Kinderbuch klingen. Und ebenso faszinierend sind. Berliner Kinderbuch-Helden.

Die Fragen des Plenums sind dann aber wieder ganz Hochschule: Wer ist eure Zielgruppe und welche Marketing-Strategien setzt ihr ein? Diskutiert werden Pläne für Wachstum und Optimierung. Und natürlich auch: Der Businessplan. Chris Goebel weist dem allerdings für sein Unternehmen keine große Bedeutung zu – und erntet dafür einen (vermutlich nicht ganz ernst gemeinten) bösen Blick von Prof. Seel.

 

Home eat home: Altes neu machen

Die zweite Geschichte aus Berlin: home eat home – der schnelle Weg zum selber kochen. Die verkaufen Einkaufstüten zum Selber-Kochen. Ein Projekt, das von Coca Cola finanziert wurde. Gründer Friedrich Große-Dunker ist zwar erkältet und daher nur über Skype zugeschaltet, trotzdem kann ich fast die Sternchen in seinen Augen sehen. Der macht halt, was er macht und all die lahmen Fragen, die aus dem Plenum kommen, beantwortet er mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich würde zwar sein Produkt nicht kaufen, aber ich würde gern mit ihm essen gehen. Oder von mir aus auch mit ihm kochen. Und mir von dem Projekt erzählen lassen.

In der Diskussion kommen noch mal ganz andere Begriffe auf den Tisch: Kooperation, Accelerator, Testläufe, Alleinstellungsmerkmale. Und immer wieder: Trends und Zielgruppe. Von Prof. Seel kommen noch ein paar dazu: Marketing, Strategie, Planung, Meeting, Wachstum, und natürlich: Der Businessplan. Ich habe den Eindruck, dass die Jungs, die er als Redner eingeladen hat, eine ganz andere Sprache sprechen. Die wollen über ihr „Baby“ berichten und es nicht allzu sehr auseinander nehmen. Prof. Seel möchte aber offenbar vor seinen Studis die Wichtigkeit eines soliden Businessplans betonen. In meinen Augen eher kontraproduktiv was die gewünschte „lebhafte Diskussion“ angeht.

 

Warum denn Gründen wenn überall Intrapreneure gefragt sind?

Nachdem Matthias Wischnewski vom Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND) ein paar Sätze zu Finanzierungsmöglichkeiten für Startups gesagt hat, will Prof. Seel dann von seinen Studenten wissen, ob sie – angeregt durch den abendlichen Input – jetzt Interesse am Selber-Gründen hätten. Wirklich enthusiastisch ist hier niemand. Man fühle sich wohler mit der Sicherheit eines Angestelltendaseins. Insbesondere, weil Mitarbeiter ja mittlerweile in vielen Bereichen unternehmerisch tätig sind, Stichwort Intrapreneurship. Eigenverantwortung, innovative und aktive Gestaltung innerhalb eines Unternehmens – das scheint für die meisten hier reizvoller zu sein als selbst zu gründen. Andere Vorteile des „echten“ Unternehmertums kommen hier nicht zur Sprache.

 

Lösungen für Alltagsprobleme

Prof. Seel schwenkt um, will noch ein paar Insider-Informationen aus seinen Referenten herausholen. Die Frage: Wie komme ich, wenn ich denn gründen will, an eine Geschäftsidee? Definitiv eine Frage für Chris Goebel von der Gewürzkampagne, denn der hatte ja genau diese Situation. Für ihn ist es ganz einfach: Herausfinden, was einen bewegt, was interessiert, wo ein Bedarf ist. Und dann einfach machen. Du willst wissen, wer der Oregano auf deiner Pizza erntet und wo es herkommt? Dann flieg hin und schau es dir an.

Etwas strategischer formuliert es Matthias Wischnewski von BAND: Im Alltag umschauen, ein Problem erkennen bzw. identifizieren. Etwas, das Leute ärgert. Denn wenn etwas Leute ärgert, dann sind sie offen für Lösungen. Und die bietest du halt an und verkaufst sie.

Einen weiteren Erfahrungsbericht liefert Eyüp Aramaz von Webkarma. Er hat bereits in den verschiedensten Bereichen gegründet, mal mehr und mal weniger erfolgreich. Hier wird dann noch einmal deutlich, wie sehr Erfolg und Lernen zusammenhängen. Denn auch der durchgestylteste Businessplan ist kein Garant dafür, dass alles glatt läuft.

 

Gründermontag: ein Event mit Potenzial?

Kurz vor acht, knapp anderthalb Stunden nach der Begrüßung, ist das Ding durch. Die Studenten fahren sofort nach Hause, nach fünf Minuten ist der Raum fast leer. Hier gibt’s kein Netzwerken mehr, so viel ist klar. Aber es ist ja auch kaum jemand da für einen Austausch.

Mein Fazit: Der Gründermontag hat Potenzial. Sympathische Gäste, spannende Geschichten aus Berlin und die Möglichkeit für Fragen. Für meinen Geschmack ist da allerdings zu viel Lehrveranstaltung drin. Zu viel gezwungenes „Fachbegriffe-abfragen“. Und das, obwohl es offenbar an der Realität der Referenten vorbei geht: „Es geht auch ohne Businessplan!“ Ich würde mir wünschen, dass mehr Externe mit Interesse am Gründen beim Gründermontag anwesend wären. Dann würde auch eine Diskussion ganz anders verlaufen. Denn so bleibt dieses Event eben das, was es ist: eine Lehrveranstaltung mit auflockernden Elementen.

Was meint ihr zu einem Event wie dem Gründermontag? Andere Szene, andere Chancen? Interessant für Gründungsinteressierte oder Jungunternehmer?

 

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